W-Lan bei den Pfadfindern?

Auf der zweiten Kurhessischen Regionsversammlung haben wir in diesem Jahr (m)einen ganz besonderen Antrag behandelt:

Die Regionsversammlung möge beschließen, dass auf Veranstaltungen der Region Kurhessen kostenfreies Internet mit Hilfe von Wireless Lan zur Verfügung gestellt wird.

Die Begründung hatte ich eigentlich schlüssig formuliert: Kurhessen ist sehr groß, deswegen ist es schwierig immer an allen Veranstaltungen teilzunehmen, weil man eben so weit reisen muss. Die RV war übrigens in Hann. Münden, aus dem Lumdatal sind das lässige 160 Kilometer.

Gäbe es auf den Veranstaltungen W-Lan, dann könnte man einen Live-Ticker schreiben. Wurde das auf der letzten LV nicht sogar gemacht? Die Pfadis, die nicht kommen konnten, können sich dann direkt daraus informieren. Man könnte Fotos aus der Versammlung und kleine Videos aus dem Singekreis hochladen, damit die Motivation bei den daheimgebliebenen vielleicht für das nächste mal noch etwas gesteigert wird.

Wer im VCP mitarbeitet, weiß natürlich was eine Dropbox ist und hat für seine Pfadfinder-Mails mit etwas Glück auch eine eigene E-Mail Adresse oder zumindest einen Ordner für die ganzen E-Mails. Auch da unterstützt ein W-Lan Hotspot die Arbeit, damit man Zugriff auf all die digitalen Daten hat.

Wie gesagt, der Antrag war in seiner Idee schlüssig und auch die Begründung passte eigentlich ganz gut. Aber trotzdem hat die Delegierten etwas am Antrag gestört. Am Anfang ging das Gespräch in die Richtung der Umsetzbarkeit: Es sei ja gar nicht möglich Hotspots für fünfzig Leute zu errichten, die auch stabil funktionierten. Es wurden Ideen gesponnen, was man noch alles mit dem neu gewonnenen Internet anstellen könnte, etwa ein Live-Stream. Dem musste ich natürlich widersprechen, für Überwachung war ich noch nie zu haben. Neben den befürchteten technischen Hürden wurden nach einiger Zeit auch andere Argumente gegen die Internetversorgung auf den Tisch gebracht: Was sollten Personen ohne Smartphone oder Laptop, oder auch ohne Facebook-Account damit anfangen? Sie konnten ja trotzdem nicht am Geschehen teilhaben. Aber wer keine Wanderschuhe hatte, konnte eben auch nicht mit auf Hajk gehen.

Nach einigen Wortwechseln und der Aufforderung an die jüngeren, doch auch ihre Meinung kund zu tun, wurde von Robin Folgeantrag gestellt:

Die Regionsversammlung möge beschließen, die Regionsleitung damit zu Beauftragen auf den Veranstaltungen der Region Kurhessen zwischen dieser und der nächsten Regionsversammlung für einen Internetzugang zu sorgen.

Ein Hammer! Ich hatte schon gedacht, dass ich aus diesem Antrag nicht ganz ohne Arbeit herauskomme, schließlich hatte ich die technischen Fragen meistens mit meinem vorgetäuschten Sachverstand abgetan. Die Regionsleitung damit zu beauftragen schien mir eine seltsame Aufgabe für das sonst doch eher inhaltlich arbeitende Gremium. Ich hätte die Verantwortung für die Versorgung doch lieber in die Hand der Veranstalter gelegt. Der Antrag hatte meinem aber voraus, dass es zumindest jemanden gab, der sich Verantwortlich fühlen sollte.

Es folgte weitere Diskussion, viele beteiligten sich, die explizit dazu aufgeforderten jüngeren RV-Delegierten waren leider nicht dabei. Einige wollten die Diskussion beenden und zum Abendessen fortschreiten und feuerten eine Salve an GO-Anträgen ab: Schließung der Rednerliste (abgelehnt); Redezeitbegrenzung auf zwanzig Sekunden (angenommen!); Schluss der Debatte (abgelehnt); Verbot von inhaltlichen Wiederholungen (Gute Idee – leider kein GO-Antrag)… Wir tauschten noch einige Argumente aus, bis wir schließlich dem Antrag auf sofortige Abstimmung zustimmten.

Ich gab eine persönliche Erklärung ab: Auf den kommenden Veranstaltung kann ich nicht oder nur teilweise anwesend sein und sehe außer mir niemanden in der Regionsleitung, der die technische Kompetenz hat den Antrag umzusetzen. Besonders weil es noch keine Erfahrungswerte gibt, halte ich das für Problematisch. Ich bitte darum den Antrag abzulehnen, weil er sonst sowieso nicht umgesetzt werden würde.

Ich hatte bei leibe nicht alle, wohl aber genügend Delegierte vom Ablehnen überzeugt und der Antrag von Robin wurde abgelehnt. Sofort danach zog ich meinen Antrag zurück.

Mein Gefühl bleibt, dass nicht alle realisierten, dass der Antrag nie beschlossen werden sollte (siehe: Spaßantrag). Wir hatten erstaunliches diskutiert und fast auch beschlossen. Was hätte sich wohl verändert, wenn wir immer ein W-Lan dabei gehabt hätten? Wir haben ja gleichzeitig auch dazu aufgerufen die aktuellsten Geschehnisse auch in den sozialen Medien zu teilen. Wahrscheinlich hätten wir mehr Handnutzung als ohnehin schon gefördert.

W-Lan und Zelte - Auf dem Camp des Chaos Computer Club werden Datenklos verwendet um die W-Lan Technik vor Regen zu schützen.

W-Lan und Zelte – Auf dem Camp des Chaos Computer Club werden Datenklos verwendet um die W-Lan Technik vor Regen zu schützen.

Mich wundert, dass niemand aufgestanden ist und eine moralische Gegenrede zu meinem Vorschlag hielt. Den RV-Erfahrenen kann ich das nicht verübeln, die haben verstanden, um was es geht und die jungen zum mitdiskutieren aufgerufen. Aber genau die haben sich gar nicht geäußert. Vielleicht sind wir zu stark aufgetreten, sodass sie keine Chance gesehen haben. Vielleicht haben wir aber auch einen Wunsch unserer Generation ausgesprochen: Auch von zu Hause Veranstaltungen verfolgen und wenn man unterwegs ist, anderen Zeigen, wie toll es ist.

Im Bundesverband wird gerade übrigens ganz ähnlich diskutiert: Sollte man auf dem Bundeslager 2017 W-Lan für alle einrichten? Man könnte eine App programmieren, mit denen sich die Teilnehmerinnen über das aktuelle Programm informieren können, der Lageralltag würde digital begleitet. Das ganze mit einem Twitter oder Instagram Hashtag kombiniert würde auch noch ordentlich zur Öffentlichkeitsarbeit beitragen.

Für mich würde das Bundeslager damit weiter an Qualität verlieren, statt den nächst besten Pfadi anzuquatschen und kennenzulernen befragt man das Handy, wo genau die AG stattfindet, die ganzen schönen Schwarzzelte sieht man nur noch durch den Instagram-Filter und die dürftige Singerunde ist durch duzende Handydisplays erhellt. Übrigens wird auch über öffentlich zugängliche Steckdosen diskutiert – keine schlechte Idee, wo doch am letzten Bundeslager jede freie Steckdose belegt war und leider auch einige Handys abhanden gekommen sind.

Ich habe das Gefühl in Hessen leben wir in Sachen Handys in einem guten Konsens: Niemanden ist das Handy verboten und trotzdem sind kaum welche zu sehen. Wenn wir das Handy dabei haben, ist es doch meistens in unserer Hosentasche oder auf dem Zimmer. Und wenn wir uns am Abend doch die viertel Stunde nehmen um unsere Mails zu checken oder den Freunden zurückzuschreiben, stört das eigentlich niemanden. Gremiensitzungen muss ich von dieser Aussage leider ausnehmen.

W-Lan ist praktisch, genau wie ganz viele andere Dinge auf die wir auf Lagern gerne verzichten: Strom, feste Küchen oder gar Vollverpflegung, richtige Matratzen und Sofagarnituren. Aber genau das macht unsere Arbeit doch aus, eine Abkehr aus dem Alltag und der bewusste Verzicht und die Pause vom Luxus und Stress der Zivilisation.

Wir brauchen weder ein Handyverbot, noch ein extra bereitgestelltes W-Lan auf unseren Veranstaltungen. Machen wir uns und unseren Teilnehmenden klar, warum wir uns für diesen Weg entscheiden, und wir werden dabei gewinnen.

Gut Pfad, Jonas

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